Schostakowitschs „Lady Macbeth von Mzensk“ am Kasseler Staatstheater – zeitlos, filmisch, fulminant

Kassel. Hierzulande wurde es seit langem zum guten Geschmack, Opernwerke in ihrer Originalsprache mit deutschen Übertiteln zu geben. Das Kasseler Staatstheater schwimmt gegen den Strom und präsentiert dem Publikum die Oper „Lady Macbeth von Mzensk“ von Dmitrij Schostakowitsch (uraufgeführt 1934) in deutscher Sprache. Am 29. Oktober 2011 hat die deutsche Fassung nach der Übersetzung von Siegfried Schoenbohm in Kassel ihre Premiere gefeiert. Mit großem Erfolg.

Der Regisseur Michael Schulz ließ die Akteure in einem hellweißen, zum Publikum hin offenen Raum (Kasten) auftreten, mit Türen seitlich und hinten und einer runden Öffnung in der Decke. Die Requisite wurden sehr sparsam gehalten: eine Holzbadewanne, einige Birkensetzlinge, eine Tür, die je nach Szene die Raumtrennung markierte und von den Sängern angeschleppt wurde. Sonst gab es kaum weitere Gegenstände auf der Bühne (Dirk Becker). Karg und kalt, beinah futuristisch anmutend und dennoch überzeugend. Aufgrund des schneeweißen Hintergrunds kam die Mimik, die Gesten, das Agieren der Sänger stärker als sonst zum Ausdruck.

Schulz stellt das Individuum Katerina Ismailova (Kelly Cae Hogan) in den Mittelpunkt, nicht als generelles Frauenopfer der russischen Gesellschaft, sondern als Mensch, der allein gegen die Wirren des Schicksals, gegen die übermächtigen Gefühlswallungen und die ihn unglücklich machende Umstände ankämpft. Parteienbildungen, Freundschaft- und Liebesbeziehungen scheinen sich nicht zu lohnen, zumindest in der Schostakowitsch-Oper, im Falle der Hauptfigur Katerina zählen sie nicht. Obschon sie sich selbst aus Langeweile in die missliche Lage bringt – den Schwiegervater und ihren Mann tötet, um sich mit dem Geliebten Sergej (Luca Martin) zu vereinen -, hat man Mitleid mit ihr, denn beinah jeder Mensch (liest man aus dieser Inszenierung heraus) wäre in der vergleichbaren Situation dazu fähig.

Dass dieser Opernstoff, der zur Grundlage die Novelle des bekannten russischen Schriftstellers Nikolaj Leskow hat, zeitlos ist, steht außer Frage. Dies weiß der Regisseur geschickt zu nutzen und präsentiert das Geschehen in mehreren zeitlichen Ebenen zugleich. Mal glaubt man einem Jahrmarkt aus dem 19. Jahrhundert beizuwohnen, mal ist man in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts und dann wähnt man sich plötzlich im heutigen Russland, und zwar im Milieu der ausschweifend lebenden, „postmodernen“ Dekadenz. Es ist kein Zufall, dass in Katerinas Albträumen, die sie nach der Ermordung des Schwiegervaters Boris Ismailow plagen, der Geist von Boris die Gestalt des blutdurstigen Diktators Stalin annimmt, denn auf Veranlassung von Josef Stalin war 1936 in der Zeitung „Prawda“ ein vernichtender Artikel erschienen, in dem dieses Schostakowitsch-Werk zerrissen wurde. Daraufhin geriet es zunächst in Vergessenheit.

Nicht allein Kelly Cae Hogan brillierte mit ihrem einprägsamen Sopran an diesem Abend. Es ist zweifelsohne das Verdienst des gesamten Ensembles, dass das Publikum am Ende mit Ovationen nicht sparte. Neben Luca Martin und Renatus Mészàr (Boris) sind unbedingt Johannes An (Der Schäbige) und Krzysztof Borysiewicz (Pope) zu erwähnen. Als Sinowi Ismailow trat (leider viel zu kurz) Dong Won Kim auf – ein glasklarer, raumfüllender Tenor. In der Rolle von Sonjetka glänzte sehr überzeugend Eglé Sidlauskaite.

Das Orchester, die Bläserbande und der Chor präsentierten sich auf höchstem Niveau. Abgesehen von geringen rhythmischen Ungenauigkeiten im Orchester, führte der Musikchef Patrik Ringborg mit Präzision und feinster Nuancierung das Kasseler Ensemble durch den Abend.

Von Artur Böpple

Näheres zu den weiteren Aufführungsterminen finden Sie unter: Staatstheater Kassel

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