Elisaveta Blumina spielt „Kinderhefte“ und „Klaviersonate Nr. 1“ von Weinberg ein

von Helmut Rohm

Nach und nach und glücklicher Weise wird seit einigen Jahren das umfängliche und hoch bedeutende Schaffen des polnisch-russischen Komponisten Mieczyslaw Weinberg auch im Westen entdeckt und aufgeführt. Eine echte Bereicherung!

Gerade hatte sich der 1919 in Warschau geborene Sohn jüdischer Eltern angeschickt, eine erfolgreiche Pianistenkarriere zu beginnen, da musste er vor den Nazis fliehen – zuerst nach Minsk, wo er zwanzigjährig seine Erste Klaviersonate op. 5 komponierte, dann weiter ins usbekische Taschkent – wo er als Korrepetitor an der Oper Fuß fassen konnte.

Tiefe Freundschaft zu Schostakowitsch

Nachdem Dimitri Schostakowitsch Weinbergs dort entstandene Erste Symphonie kennen gelernt hatte, sorgte er dafür, dass der dreizehn Jahre jüngere 1943 nach Moskau übersiedeln und sich als freischaffender Komponist niederlassen konnte. Auch von Stalin wurde er bald verfolgt und 1953 inhaftiert. Wieder war es Schostakowitsch, der sich für den mit dem Tode Bedrohten einsetzte. Zwischen beiden Komponisten entwickelte sich eine lebenslange tiefe Freundschaft. Weinberg, der als Pianist viele Werke Schostakowitschs uraufgeführt hat, schickte sich an, als Komponist in einem wahren Schaffensdrang ein riesiges Oeuvre zu schaffen. Es umfasst u.a. sieben Opern, mehrere Operetten, 27 Symphonien und andere Orchesterwerke, 17 Streichquartette, Werke fürs Ballett und den Film und vieles mehr.

Dämonisch verschattete Nachklänge

Die Musik des in sich gekehrten und eher konservativen Künstlers, der 1996 in Moskau gestorben ist, entfaltet einen eigenen, manchmal spröden, manchmal doppelbödig-burlesken Charme. Nachdem im Zuge der Perestroika die avancierten musikalischen Errungenschaffen der westlichen Welt endlich aufgearbeitet werden konnten, wurde sein Schaffen neben dem von Schostakowitsch zunächst kaum wahr und ernst genommen. Ganz langsam setzt sich jedoch die Erkenntnis durch, dass Weinberg durchaus andere stilistische Räume erschlossen hat, als sein Freund. Seine Melodik ist von jüdischer Volksmusik beeinflusst, in seiner Harmonik wetterleuchten Hindemith’sche Anmutungen. Gefühlsmomente kommen selten ganz offen zum Ausbruch. Eher entfalten sie subkutan ihre Kraft und geben als dämonisch verschattete Nachklänge Einblick in die Tragödien eines Lebens unter zwei menschenverachtenden Diktaturen.

Ernste Miniaturen

In den entbehrungsreichen Jahren 1944/45 hat Mieczyslaw Weinberg für seine damals zwölfjährige Tochter drei Sammlungen mit Klavierstücken geschrieben und ihnen den Titel „Kinderhefte“ gegeben. Insgesamt sind es dreiundzwanzig zum größeren Teil ernste Miniaturen, die alles andere als leicht zu spielen sind. Fortgeschrittene Klaviereleven jedoch fänden sich im Unterricht mit tief lotenden Charakterstücken konfrontiert; mit Musik, von klaren, fast klassizistischen Konturen, die jene Stereotypien weit hinter sich lässt, von welchen viele andere Kinderalbenspielstücke russischer Provenienz so oft bestimmt sind.

Vielfältig und elektrisierend

Mit hoch differenzierter Anschlagskunst und Freude am Detail hat die in St. Petersburg geborene Pianistin Elisaveta Blumina nun alle drei „Kinderhefte“ (op. 16, 19 und 23) zusammen mit der 1. Klaviersonate Weinbergs eingespielt. Ihre in Koproduktion mit dem Bayerischen Rundfunk entstandene CD ist beim Label CPO erschienen. In jedem Takt wird evident, dass sich die international erfolgreiche Künstlerin, zu deren Lehrern Evgeni Koroliov, András Schiff und Bruno Canino gehören, nicht mit Oberflächenglanz zufrieden gibt. Vielfältig und oft elektrisierend die Kontraste auf kleinstem Raum, das Umschlagen der Farben vom Schein ins Sein.

CD-Info
Mieczyslaw Weinberg: Klavierwerke

* Kinderhefte op. 16, 19 und 23
* Klaviersonate Nr. 1 op. 5
* Elisaveta Blumina
* Label: cpo

Quelle: Bayerischer Rundfunk

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