Der Zar sieht alles! – Oder wie die Zarenbraut am Osnabrücker Theater zur Präsidentenbraut wurde…

Premiere Die Zarenbraut Theater OsnabrückLiebe, Wahnsinn und Tod stehen in der Oper oft eng beieinander. So auch in der Oper Die Zarenbraut von Rimskij-Korsakow, die am Samstag, dem 13. Juni 2009, eine erfolgreiche Premiere am Osnabrücker Theater am Domhof feierte.

Diesmal ist es Marfa, die Verlobte Nikolai Lykows, die ihrer Hochzeit entgegenfiebert, sich freut und nichts von ihrem tragischen Schicksal ahnt. Als Tochter eines Kaufmanns, bekannt für ihre Schönheit, wird sie auch vom Chef der Opritschnikis (der Schlägertruppe des Zaren Iwan des Schrecklichen), von Grigorij Grjasnoj (russ: der Dreckige) inbrünstig begehrt. Und so versucht er, Marfa an sich zu binden: er besorgt sich nämlich vom deutschen Arzt Bomeli eine Wundermixtur, die Marfa in ihn verliebt machen soll. Grigorij macht jedoch diese Rechnung ohne seine Frau Ljubjascha, die von seinen „dreckigen“ Plänen erfährt und sie zu verhindern weiß. Auch sie setzt auf Wundermittel – ein Gift, das ihrer Rivalin Marfa die Schönheit nehmen soll. Dieses Mittel wird Marfa gereicht, und zwar kurz bevor der Zar Iwan  höchstpersönlich Marfa zu seiner Auserwählten bestimmt. Das Libretto lässt offen, was Marfa schließlich den Verstand nimmt – das Gift oder der irreparable Schicksalsschlag, der sie von ihrem Verlobten auf ewige Zeiten trennt.

Der Berliner Regisseur Kay Kuntze hatte sich des in Deutschland nur selten zu erlebenden Opernstoffs angenommen und offenbar versucht, die Handlung in unsere Zeit zu verlegen. Die Opritschnikis ließ er als brutale Rockergruppe in schwarzen Lederklamotten auf der Bühne erscheinen. Sie koksen, trinken kistenweise Bier, morden wahllos und begrabschen jede Frau, die ihnen über den Weg läuft. Die Bojaren werden bei Kuntze zu reichen Neurussen, die sich jedoch trotz ihrer Macht und ihres Ansehens bedingungslos der obersten Gewalt beugen und keinerlei Fähigkeit besitzen, dieser Gewalt Widerstand zu leisten. Meisterhaft parodiert Kuntze die auch noch zu unserer Zeit aktuell gebliebene Vorliebe der Russen zur überstarken zentralen Gewalt. Allein beim Erwähnen des Zaren, des „allheiligen Väterchens“- in der Szene, in der die Botschaft des Zaren über die Wahl Marfas zu seiner Gemahlin übermittelt wird, fallen alle Anwesenden, wie vom gewaltigen Windstoß erfasst, auf die Knie.

Die Parodie gilt scheinbar ebenso der russisch-orthodoxen Kirche, die sich zu Zeiten des Zaren Iwan des Schrecklichen mit der zentralen Gewalt verbündete und heutzutage erneut in Russland an Macht und Bedeutung gewinnt. Zahlreiche Ikonen und Heiligenbilder gehören zu der beweglichen und fixen Bühnenausstattung (Bühnenbild: Martin Fischer) und sind in allen vier Akten präsent. Auch betende Popen und deren Helfer mit leuchtenden Kerzen in den Händen, die die Willkür des allmächtigen Zaren-Gottes legitimieren, durften sicherlich im Hintergrund nicht fehlen.

Über all dem die stechenden Wolfsaugen – unmittelbar über der Bühne -, die das Publikum permanent und frontal anstarren, ja, durchbohren.
Der Zar (oder auch der Präsident?) sieht also alles…

Insgesamt lässt sich die Osnabrücker Produktion als recht gelungen bezeichnen, obschon viele Details, ausschweifende Gesten und Handgriffe zu hinterfragen sind – vor allem dann, wenn sie die Solisten beim Ausführen ihrer Partie unüberhörbar behindern. An solchen Stellen scheint die Regie zum Selbstzweck zu werden, was sie gewiss nicht sollte.

Nun, Regie hin,  Regie her – real hatte ohnehin Marius Stieghorst an diesem Abend die Fäden in der Hand, und zwar am Dirigentenpult des Osnabrücker Symphonieorchesters. Er ließ den  Klangkörper fein nuanciert und farbenreich erklingen.

Natalja Atamanchuk brillierte eindrucksvoll mit ihrem glasklaren frischen Sopran in der Rolle von Marfa. Ebenfalls lobenswert ihre schauspielerische Leistung. Eva Schneidereit trat souverän als Ljubascha auf, obschon anfangs – auf Grund äußerer Umstände – etwas unsicher. Sehr gute Leistung lieferten auch andere Sänger ab: Frank Färber (Marfas Vater), Daniel Moon (Grjasnoi), Yoonki Baek (Lykow)…

Die nächste Aufführung findet am 24. Juni statt. Wiederaufnahme nach der Spielzeitpause: 28. August 2009.

Text: Artur Böpple

Foto: Uwe Lewandowski

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