Hermann aus Wien rettet „Pique Dame“ in Berlin

pique_dame_sehr_kleinWer das Glück hatte, am 8. Mai 2009 der Aufführung der Pique Dame von Peter Tschaikowski in der Komischen Oper Berlin beizuwohnen, war von einer äußerst komischen Darbietung des Hauses sehr überrascht. Seit geraumer Zeit hätte nämlich Robert Künzli, der in den früheren Vorstellungen den Part des Protagonisten Hermann ausführte, Probleme mit seiner Stimme. Deshalb bemühte sich die Theaterleitung rechtzeitig um einen adäquaten Ersatz. Das Problem war schon sehr bald vom Tisch, die Proben mit dem neuen Sänger reibungslos verlaufen, und so schien einer Erfolg-versprechenden Vorstellung nichts im Wege zu stehen – bis auf den Tag der Vorstellung. Am diesen Tag klingelte nämlich das Telefon im Theater: der neue „Hermann“ könne nicht auftreten, sei krank und indisponiert.  Die Absage der Aufführung lag auf der Hand, und wohl jedes Theater würde verständlicherweise diesen Weg gehen, wenn es nicht gerade über eine Drittbesetzung verfügt. Jedoch verlor die Theaterleitung der Komischen Oper  nicht die Nerven, hörte sich um und bestellte kurzerhand einen „Hermann“ direkt aus dem fernen Wien. Marian Talaba, das Ensemblemitglied der Wiener Staatsoper, packte auf der Stelle  seinen Koffer und eilte den Berliner Kollegen zur Hilfe. Der Abend schien gerettet zu sein, es gab bloß einen Haken: Der Hermann aus Wien kannte nämlich die Rolle ausschließlich in russischer Sprache, die Aufführung des Hauses wurde jedoch bis dahin in deutscher Sprache geprobt. Der Gast aus Wien war zudem nicht mit den Inszenierungsabläufen vertraut. Woher denn auch? Aber auch dieses scheinbar unlösbare Problem stellte für das Theater keine Hürde dar. Zwei „Hermanns“ sollten nun auf die Bühne: Robert Künzli, dessen Aufgabe es lediglich war, den Protagonisten zu mimen, und Marian Talaba, also der „Wiener Hermann“, der vorne links an der Rampe den Part in russischer Sprache auszuführen hatte. Gewiß war diese Lösung zum Nachteil des Nicht-Russisch-kundigen Publikums, denn Übertitel in Deutsch waren ja in dieser kurzen Zeit nicht zu erwarten. Für den Russisch-kundigen dagegen war die Darbietung voller Genuss und äußerster Spannung. Die Duetts, Ensembles und Recitative wirkten zwar in dem russisch-deutschen Sprachen-Mischmasch zutiefst komisch und musikalisch nicht gerade sehr plastisch. Auch die Mimik des direkt auf der Bühne agierenden (also stummen) Hermanns verstärkte zudem diese Wirkung. Jede Minute rechnete man damit, dass alles auseinanderfallen,  auseinanderbröckeln, ja, dass die Vorstellung letztlich scheitern würde. Jedoch passierte nichts dergleichen . Mit sicherer Hand führte der junge Dirigent Patrick Lange durch den Opernabend und ließ so mache Stelle der Partitur in ihrer vollen Pracht erklingen, als ob er auf diese Weise die Unannehmlichkeiten auf der Bühne kompensieren wollte. Was die Regie anbelangt, so muss man mit Recht sagen, dass sie trotz der etwas „komischen“ Lösung des Besetzungsproblems keinerlei Dissonanzen aufwies, ja, sie gewann gar an einigen Aspekten, die die Spannung steigerten und neue Deutungen des Dramas ermöglichten. Die Handlung schien nun plötzlich nicht, wie im Regiekonzept angekündigt, im postsowjetischen Russland zu spielen, sondern eher hier, ganz nah, im modernen vereinten Deutschland. Hermann, der sowohl in der Librettovorlage von Puschkin als auch im Libretto des Bruders des Komponisten Modest Tschaikowski der Abstammung nach eigentlich ein Deutscher ist (und höchstwahrscheinlich der deutschen Sprache mächtig) verwandelte sich nun an diesem Abend in einen wahren Russen, ja, einen Ausländer, der mitten in Deutschland, von der deutschen Gesellschaft umgeben (mal von den russisch klingenden Namen der handelnden Personen abgesehen) um seine Existenz kämpft, nach Geltung schreit und sich nach Gleichberechtigung sehnt, jedoch mangels seiner sprachlichen Kompetenz, mangels Fähigkeit, sich den kulturellen und wirtschaftlichen Gegebenheiten anzupassen, scheitert und schließlich zum äußersten (für ihn einzig realen und vernünftigen) Mittel greift, um sich Gehör und Aufmerksamkeit zu verschaffen. Nicht mehr die Liebe zu Lisa treibt ihn an, und nicht mehr das Streben nach Geld und Macht. Allein die tiefe Verzweiflung, die aus dem Nichtverstandensein und der Andersartigkeit resultieren, werden hier zu zentralen Motiven seines Handelns. Einmal Sieger sein, einmal bewundert werden und schließlich ein einziges Mal als gleichwertiger Mensch wahrgenommen werden – das alles bleibt ihm verwehrt, und er läuft Amok gegen sich selbst.  Marian Talaba bescherte dem Publikum mit seinem weichen Timbre, mit dem prachtvollen und akzentfreien Gesang in Russisch einen unvergesslichen Abend. Ebenfalls Orla Boylan als Lisa führte ihre Partie sehr souverain und ausdrucksstark aus. Sie ließ sich nicht, wie auch das übrige Ensemble, von den ungewohnten Umständen irritieren. Alles in allem: der Abend war ein Erfolg, das Experiment gelungen.

Foto: Monika Rittershaus

Hier sehen Sie nun einen kurzen Videotrailer von dieser Produktion der Komischen Oper Berlin:

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